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„Unsere traditionelle Vorstellung vom Wissen war an Papier gebunden. Dass etwas zwischen zwei Buchdeckel passte, gab uns eine falsche Gewissheit. Denn wenn Experten filtern und vorentscheiden, gehen wertvolle Details verloren. Das neue System Internet öffnet uns die Augen.“
David Weinberger,
Harvard-Technologe
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Wie das Netz Wissen schafft

Wie Harvard-Technologe David Weinberger die Zukunft der Arbeit im Datenmeer des Web 2.0 und seiner Clouds sieht und über den Mut von Managern urteilt, die das Internet zum Knowledge-Management im Business einsetzen.
David Weinberger
Würde man heute alle weltweit verfügbaren Druckwerke in den mehr als 1000 Schriftsprachen der Menschheit – Bücher, Zeitschriften, Broschüren, was auch immer – digitalisieren, bräuchte es nichts weniger als Platz für 200 Millionen Terabyte. Kein Problem. Gut 1,5-Millionen-mal größer ist die globale technologische Kapazität, Informationen zu speichern – auf 1,8 Zettabyte* schätzten Wissenschaftler 2011 das Volumen.

Wie Daten zur Ordnung finden

Sicher ist: Allein die Menge der Daten und Informationen im Netz ist unvorstellbar und erscheint endlos. Wer soll das kontrollieren und Ordnung reinbringen, damit nicht nur ein Bruchteil davon für Unternehmen und Organisationen, Wissenschaft und Forschung, Netzwerke und Individuen nutzbar bleibt? Probleme wie diese stimmen Internetveteran David Weinberger nicht nur optimistisch, eher sogar euphorisch: „Zugegeben, die Welt ist heute zu groß und zu angefüllt mit Wissen, um sie noch zu verstehen“, sagt der Internettheoretiker, der sich mit vier Büchern zu Form und Wesen der vernetzten Wissensgesellschaft weltweit einen Namen gemacht hat.
So schrieben die Kritiker von „Business Bestseller“ über die Botschaft des Harvard-Dozenten: „Was auf den ersten Blick banal klingt, hat gewaltige Konsequenzen für die Art und Weise, wie wir in Zukunft Geschäfte machen, Wissen erwerben, vermitteln und organisieren.“ Ebenfalls banal – und ein klein wenig nach Resignation – klingt auch der schlichte Titel seines neuesten Werks „Too Big to Know“. Dabei will der in New York geborene Internetphilosoph nur die Lösung eines Problems anbieten: Wissen und Erfahrung entwickeln im Internet ein in sich eigenes Netzwerk und schaffen – weitgehend selbständig – dabei eine immer aktuelle Ordnung.
Die Kernthese des 61-Jährigen ist ebenso simpel wie revolutionär: Wissensarbeit in Unternehmen und Forschungseinrichtungen muss sich öffnen, um auch in Zukunft relevant zu bleiben. Je mehr Anknüpfungspunkte sie bietet, um so mehr hebt der sich daraus entspinnende Dialog online den Wert und Gehalt von Informationen. „So generiert das Internet enormen Mehrwert“, argumentiert Weinberger, der schon 1999 als einer der vier Autoren des „Cluetrain“-Manifests Trends wie Crowdsourcing, Social Media oder Conversational Marketing vorwegnahm.
Für die „Süddeutsche Zeitung“ ist Weinberger nicht zuletzt deshalb „einer der profiliertesten Internetvordenker, der beschreibt, wie sich das Bild von Wissen und damit das Bild der Welt, verschiebt.“ Dafür will Weinberger ein neues Verständnis des Begriffs Wissen – und so zugleich von Wissenschaft und vernetztem Arbeiten – definieren. „Unsere traditionelle Vorstellung vom Wissen war an Papier gebunden. Dass etwas zwischen zwei Buchdeckel passte, gab uns eine falsche Gewissheit. Denn wenn Experten filtern und vorentscheiden, gehen viele wertvolle Details verloren. Das neue System namens Internet öffnet uns die Augen“, so der Wissenschaftler.
Allerdings ist dieses System ein gigantischer Speicher an Informationen, die jeder Nutzer nach seinen eigenen Interessen, Erkenntnissen und seiner Logik sortiert und verknüpft und so zugleich andere Nutzer beeinflusst. Egal, ob er das Internet zu geschäftlichen Zwecken nutzt oder privat.
„Plötzlich gibt es keinen künstlich gesetzten Anfangs- und keinen Endpunkt in einer Recherche oder Debatte mehr, weil man immer noch einem Link oder einer Anmerkung folgen kann. So wird Wissen vom scheinbar fertigen Produkt zu einem ständig im Werden begriffenen Prozess. Wissen ist damit eine Eigenschaft des Netzes.“ Anders ausgedrückt: Das absolut vorhandene Wissen dieser Welt, auf das etwa Individuen oder Organisationen zugreifen können, ist immer nur eine Momentaufnahme.

Wissen als Perpetuum mobile

„Unternehmen, die sich dieser Denkweise anschließen, können mit erstaunlichen Einsichten und Produktivitätsgewinnen rechnen“, glaubt Weinberger. So werde in immer mehr Besprechungen
die schnelle Suche nach dem klügsten Kopf einem strukturierten Vorgehen Platz machen: der gezielten Suche nach Wissensnetzwerken, in deren Ausbau der einzige Weg liegt, verfügbare Intelligenz aufzustocken – durch kluge Köpfe verlinkt und im Diskurs untereinander.
Wer also die beste Infrastruktur schafft, um netzbasiert den freien Diskurs zu ermöglichen, wird am meisten Gewinn abschöpfen.
„Wir können im Netz schneller lernen und reagieren. Wenn eine Organisation das nicht tut, bleibt sie auf der Strecke“, ist Weinbergers feste Überzeugung. Und diese Haltung sei keine Chefsache, sondern Anliegen jedes Mitarbeiters: „Moderne Mitarbeiter – denken Sie nur an die Digital Natives mit ihrer Art Urvertrauen in das Netz und seine Clouds – bauen von sich aus ein Netzwerk innerhalb und außerhalb ihrer Organisation auf. Sie arbeiten als Peers, die ihre Ziele teilen und voneinander lernen können – unabhängig von dem Alter, dem hierarchischen Gefüge eines Unternehmens und egal, ob sie Angestellte, Kunden oder Partner sind.“

Vertrauenswürdige Sicherheit

Vertrauen in das Web, und vor allem in die Qualifikationen seiner Community sind zwei wichtige Voraussetzungen für den neuen Wissensbetrieb. „Die Frage nach der Stabilität und Sicherheit aller Clouds ist eine technische Angelegenheit. Das wird sich lösen lassen. In der Folge werden nach den Hunderten von Millionen Menschen, die längst via Facebook, Flickr, YouTube & Co ihre Daten online ablegen, auch Unternehmen wie selbstverständlich einer geeigneten Sicherheit in der Cloud vertrauen“, so Weinbergers Blick in die mittelfristige Zukunft.
Das gewachsene Vertrauen in Rechenleistung und Wissen aus der Steckdose oder aus dem Äther führe zu einem neuen Verständnis von Datenschutz und Privatsphäre. „Denn“, so seine Analyse, „bisher gab es zwei Extreme – das Öffentliche und das originär Eigene.“
Mit dem Internet habe sich aber nicht nur „die Demarkationslinie zwischen beiden Welten verschoben“, sondern auch ein drittes Konzept des „Social“ dazwischengedrängt. Wenn Informationen an Wert gewinnen, sobald sie mit anderen geteilt und zur Diskussion freigegeben werden, sagt Weinberger, dann werde „soziales Wissen“ auch für Unternehmen zum neuen Standard: „Arbeit, die sich abschottet, ist im Extremfall irrelevant. Selbst einige der starrsten Hierarchien in abgeschotteten Systemen – das Militär und die Geheimdienste – richten soziale Netzwerke ein.“
Aber wie stellen Unternehmen sicher, dass Informationen, Kommentare und Kritiken fundiert sind und nicht ablenkender Lärm? Dabei helfen ständig verbesserte Filter, glaubt Weinberger. Das können technologische oder soziale Filter sein, bei denen Algorithmen oder soziale Netze das beleuchten, was relevant ist.
„Entscheidend ist, dass moderne Filter, wie es sie längst gibt, nichts mehr entfernen oder verbergen, sondern nur das Wichtige nach vorne schieben. Alles andere Material bleibt erhalten und ist nur ein paar Klicks weiter weg.“ So ist die Entwicklung neuer und besserer Filter für den Harvard-Forscher „eine der verkannten Innovationsleistungen des Nets des vergangenen Jahrzehnts.“
* 1 Zettabyte (ZB) = 1021 Byte